Back to the Steinzeit

oder: Warum wir aus dem Alltag ausbrechen

Wir sind in Norwegen – seit einigen Tagen unterwegs und immer auf der Suche nach den abgeschiedensten und schönsten Wildcampingspots. Im Laufe der Tage kamen diverse Fragen in uns auf: Was zieht uns immer wieder in die Natur oder gar in die Wildnis? Warum lassen wir ein-, zweimal im Jahr alles hinter uns? Aus Zelten im Garten oder Übernachten im Baumhaus wird schnell das Kaufen des ersten eigenen Zeltes. Das Schlafen auf Festivals bestimmt dann unsere Jugend, daraus wird der erste Campingurlaub, bis man schließlich im Wohnmobil landet. Einige von uns zieht noch weiter in die Natur. Sei es beim Angelurlaub oder auf einer einsamen Skihütte in den Alpen. Man beschränkt sich automatisch auf die wenigsten Dinge, die man bei sich trägt. Was sonst im alltäglichen Leben so wichtig scheint, benötigt man nicht mehr. Sei es das allabendliche Fernsehprogramm oder gar die tägliche Dusche.

So ist es auch bei uns. Der Van wird mit den nötigsten Sachen gepackt, die wir zum Überleben brauchen. Wasser, Nahrungsmittel, und natürlich dürfen gewisse Bespaßungsutensilien nicht fehlen. Die SUPs, die Longboards – Hauptsache etwas für draußen. Und immer wieder fällt uns auf, dass es die Leute in die Natur zieht. Immer mehr Wohnmobile sind unterwegs, Campingplätze teilweise wochenlang ausgebucht. Woran liegt das? Ist es nur eine Modeerscheinung? Die Vorteile beim Camping oder gar beim Wildcamping liegen auf der Hand: Schlafen, wo und wie man will, aufwachen mit Aussicht, keine Übernachtungskosten, Urlaub abseits der Touri-Hochburgen, entdecken von außergewöhnlichen Orten, tun und lassen, was man möchte. Um nur einige zu nennen. Doch das beantwortet nicht, warum wir das machen.

Wir glauben schon lange, dass dies am „Steinzeitmenschen“ in uns liegt. Täglich hören wir von „Paleo“ und werden mit Büchern und Artikeln überschüttet, in denen sich Wissenschaftler zu Wort melden. Der heutige Mensch verhalte sich nicht artgerecht. Wenn man genauer über solche Sätze nachdenkt und sich selbst reflektiert, bemerkt man schnell, dass dies gar nicht so abwegig ist. Unser Leben, wie es jetzt ist, hat sich erst in den letzten 100 Jahren so entwickelt. Elektrizität, die Art der Fortbewegung, Ernährung usw. Alles, was wir heute kennen und täglich benutzen, gibt es noch nicht einmal zwanzig, dreißig Jahre lang. Smartphone, Internet, Schnellrestaurants. All das sind Dinge, die unser Leben bestimmen. Und der technische Fortschritt nimmt rasant zu. Der Mensch als solcher hat Millionen Jahre gebraucht, um zu dem zu werden, der er jetzt ist. Und nun entwickeln wir uns rasend schnell in eine Zeit hinein, in der uns alles vorproduziert wird. Wir brauchen noch nicht einmal von der Couch aufzustehen, um etwas zu essen zu besorgen. Vor wenigen hundert Jahren sind wir noch in den Wald gezogen und haben Wild gejagt. Es gab nur ein Motto jeden Tag, und das war überleben und für den Fortbestand der Rasse zu sorgen.

Wir meinen, es ist genau dieser Steinzeitmensch, der immer noch in uns ist. Der Typ, der dafür sorgt, dass wir lieber an der Wand sitzen, um uns vor Angriffen von hinten zu schützen. Der Typ, der uns dazu verleitet, Zucker zu essen, weil es ein sehr seltener Energielieferant war, der heute im Überfluss vorhanden ist und entsprechend konsumiert wird. Der Typ, der uns misstrauisch zögern lässt, wenn das Telefon eine unbekannte Nummer anzeigt. Es ist wie das Rascheln im Unterholz: eine Bedrohung, vielleicht gar ein Feind. Der Typ, der Herzrasen und Schweißausbrüche auslöst, wenn wir in stressige Situationen geraten. Dann geht er in den Fluchtmodus. Und genau dieser Typ bringt mich/uns dazu, nach einiger Zeit aus dem Alltag auszubrechen, wieder raus in die Natur zu ziehen. Uns zu erden, uns auf das Wesentliche im Leben zu konzentrieren. ZU LEBEN.

Dazu gehört für mich/uns das Zubereiten frischer Speisen, Angeln, Feuermachen, wenn uns kalt ist, und das Kacken im Wald, weil wir eine Toilette gar nicht brauchen. Das Entdecken neuer Orte, abseits von Großstadtlärm und Menschenmassen. Und wir vermuten, dass es im Endeffekt uns allen so geht. Weil wir alle noch Steinzeitmenschen sind. Der eine mehr und der andere weniger. Und so kann ich die Hashtag-Vanlife-Generation nur beglückwünschen. Macht weiter so! Baut eure kleinen Höhlen und versucht jeden Tag auszubrechen. Und alles, was uns die Konsumgesellschaft vorzugeben meint, abzulegen. Denn nur so können wir ein befreites, glücklicheres und artgerechtes Leben führen.

4 Kommentare

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  1. du hast alles auf den punkt gebracht!
    sich „menschlich“ fühlen. sich „spüren“.
    erden und erleben.
    natürlichen instinkte aktivieren.
    sehen – hören – schmecken – erfahren = leben … lebendig sein …
    weiter so 🙂

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  2. Hallo ihr lieben
    Ich sitze gerade hier und mir laufen die Tränen über die Wangen.
    Seit über einem Jahr fühl ich mich anders wie sonst die letzten Jahre meines Lebens. Irgendetwas stimmt nicht, irgendwas fehlt in meinem Leben. Der Drang, das Bedürfnis aus dem Alltag auszubrechen wird von tag zu tag größer, teilweise unerträglich.
    Ich bin grad zum hundertsten male wieder „Van Ausbau“ am googlen als ich über eure Seite hier gestolpert bin.
    Der Text hat mich gerade so berührt… wie gesagt mir stehen die Tränen in den Augen. Danke! Genau das, was ich oft nicht richtig formulieren kann… wie es in mir aussieht, habt ihr hier so passend stehen.
    Leider lässt meine finanzielle Situation momentan nichts der Art zu, was mich noch unglücklicher macht. Aber mit dieser Seite hier habt ihr mich unglaublich bestätigt und bestärkt. Ich habe einfach das Gefühl, dass es für mich momentan nur diesen Weg gibt. Eher werde ich nicht durchatmen können. Also werde ich mir jetzt endlich selbst in den Arsch treten damit ich aus der beschissenen Lage heraus komme um das zu machen wonach mein Herz so schreit.
    DANKE. Ganz viel Liebe für euch.

    Herzliche Grüße aus dem Ruhrpott
    Anna

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