Wie verabschiedet man sich von einem Auto?

oder: Die Suche nach einem Namen!

Als KFZ-Mechaniker kenne ich jede Ritze und Ecke eines Autos. Innen, außen, unten, hinten, vorn – es gibt kein Ersatzteil, was nicht schon durch meine Hände gegangen ist. Ich weiß schon gar nicht mehr, wie viele Fahrzeuge ich auseinander gebaut habe und natürlich wieder zusammen. Eines hab ich in all den Jahren allerdings nicht entdecken können: Eine Seele.

Dieses Ding aus Metall, Kunststoff, Gummi, Kabeln und Glas hat keine menschlichen oder übernatürlichen Eigenschaften. Es lebt nicht, es atmet nicht, es hat keine Gefühle. Ein kaltes, von Menschenhand geschaffenes Fortbewegungsmittel. Nicht mehr und nicht weniger. Das Ding hat keinen Namen verdient…

Dachte ich …

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Denn dann kaufte ich einen Van. Die erste Tour sollte eine Auszeit für mich sein. Ich hatte nichts anderes als einen Schlafsack, ein paar Klamotten, einen Beutel voll Äpfel und meinen Hund. Jeder Kilometer mit dem Van heilte mein gebrochenes Herz. Ich entdeckte neue Straßen, Städte und Sehenswürdigkeiten. Und manchmal sprach ich auch mit ihm, ob aus Langeweile oder weil ich mich so wohl in seinen samtigen Sitz fühlte.

Wie neugeboren stieg ich nach 2500 Kilometer aus und fühlte mich bereit für Neues. Er begleitete mich nun täglich. Ob auf dem Weg zur Arbeit oder dem ersten gemeinsamen Roadtrip mit Maren. Eine Tour durch Mitteleuropa in seinen samtig grauen Sitzen. Er läuft und läuft und läuft. Er gräbt sich durch tiefen Schnee, schlammige Waldwege, sandige Strände. Nichts scheint ihn aufhalten zu können.

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Nun war er bereit für das nächste Level. Ein Innenausbau wertete ihn nicht nur auf, sondern gab ihm scheinbar seine eigentliche Bestimmung. Eine fahrbare Ferienhütte mit Küche, Solar und Dachterrasse. Es schien, als sei er perfekt. Jeder Tag glich einem Abenteuer, jede kleinste Fahrt wurde zum Roadtrip. Und wieder reisten wir durch Europa … Nord, Ost, Süd, West.

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Und jetzt spürt man seine Seele … Es sind die Erinnerungen an die Abenteuer, die wir gemeinsam erlebt haben. Wir sind es, die einem scheinbar metallenem Ding eine Persönlichkeit geben. Mit jeder schönen Minute, die wir in ihm verbringen, füllen wir ihn mit Gefühlen und Geschichten. Er bekommt seine Seele…

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Wenn man ihn jetzt berührt, scheint es, als ob er der Schlüssel für unsere Erinnerungen ist. Er ist wie ein Buch voller Geschichten, wie ein Großvater, der dich in seinem samtigen grauen Schoß Platz nehmen lässt und dich auf seine Reisen mitnimmt.

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Um so schwerer ist der Abschied: Für uns endet ein Kapitel, für ihn beginnt ein neues. Er wird dem nächsten Fahrer seinen samtig weichen Schoß bereithalten und ihm genauso viel Freude bringen wie auch uns. Keines meiner Autos hatte jemals einen Namen! Du bist der Erste, der es verdient hätte!

Danke für 50.000 Kilometer pures Leben, Abenteuer und Geschichten. Mach es gut, alter Freund, und allzeit gute Fahrt.